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Passionsandacht vom 01.04.2020

Hans Holbein der Jüngere: Der Leichnam Christi im Grabe

I.
Dies Bild, gemalt 1521/22 von Hans Holbein dem Jüngeren und heute im Baseler Kunstmuseum zu besichtigen, gilt als eine der schonungslosesten und abgründigsten, wenn nicht die abgründigste Darstellung des toten Christus, welche die klassische abendländische Malerei hervorgebracht hat.

200x35 cm mißt es, das Bild: eine Nische, in den Fels gehauen. Darin der Leichnam Jesu. Die Haut wächsern-grau, stellenweise bereits ins Grünliche gehend, das Kinn spitz, der Mund offen, das Auge weggedreht. 

200x35cm voller grausiger Details. Der Tod in Lebensgröße.

Der Kunstgeschichtler Norbert Schnabel schreibt: „Dem Gläubigen wird mit diesem Bild viel zugemutet, denn es ist nur schwer vorstellbar, wie dieser knochige, abgezehrte Leichnam, eingesperrt in sein klaustrophobisch enges Grabverlies, jemals auferstehen soll.“[1]

II.
Passionszeit 2020: Das Leiden und Sterben Jesu bedenken wir als Christen in diesen Wochen. Und sehen uns gleichzeitig mit soviel aktuellem menschlichen Leiden und Sterben konfrontiert. Passionszeit 2020: Corona-Zeit. Auch bei uns.
Immer wieder habe ich in den letzten Wochen denken müssen an das Video-Interview mit der Krankenschwester Daniela Confalonieri aus einer Klinik in der Lombardei, zu sehen gewesen in der ARD: „Der psychische Druck“, sagt sie, „ist unerträglich. Hier in der ganzen Region sind die Ansteckungsraten sehr hoch. Wir zählen nicht mal mehr die Toten. [...] Es ist unvorstellbar.“[2]
Triage, so heißt das herkömmlich in Kriegszeiten im Feldlazarett praktizierte Verfahren, wenn Ärzte angesichts von Ressourcenknappheit zu entscheiden haben, wem sie helfen, weil er die vergleichsweise besseren Überlebenschancen hat, und wer keine Behandlung mehr erhält.
So schlimm wie in Italien oder auch im Elsaß ist es bei uns – Gott sei Dank – bis jetzt nicht gekommen. Wollen wir hoffen, daß das so bleibt!

III.
Als ich mich am Jahresanfang dafür entschied, dieses Gemälde von Hans Holbein im Rahmen unserer diesjährigen Passionsandachtsreihe ‚Passion im Bild‘ vorzustellen, war noch nicht absehbar, ein wie großes Thema Corona für uns alle werden würde.

Später dann, in den letzten Wochen, habe ich mich allerdings schon gefragt, ob ich trotzdem dabei bleiben soll: bei dieser so schonungslosen, so abgründigen Darstellung des toten Christus. Wenn es denn unverändert der tote Christus im Grab sein soll, warum wählst Du nicht wenigstens eine andere, eine etwas weniger drastische Darstellung? Eine, über der trotz allem irgendwie mehr Friede liegt... –

Aber dann dachte ich mir: Ist das nicht gerade auch in der jetzt gegebenen Situation der große Vorzug dieses Bildes von Hans Holbein, daß es so drastisch ist? Daß es zeigt: In der Auseinandersetzung mit den abgründigen Seiten der Realität ist vom Glauben um seiner selbst willen ein schonungsloser Realitätssinn gefordert. Dieser Realitätssinn ist dem christlichen Glauben vom Leiden und Sterben des Gottessohnes her ja eingestiftet. –

IV.
Ich möchte Ihren Blick auf ein Detail lenken. Dies Detail ist nämlich der Grund gewesen, warum ich mich überhaupt für Hans Holbeins Gemälde entschieden habe. Und letztlich auch der Grund, warum ich dabei geblieben bin. Denn in diesem einen Detail finde ich die christliche Verheißung unüberbietbar aussagekräftig konzentriert.

Es ist die rechte Hand Jesu. Sie befindet sich nicht nur in der vordersten Ebene der Malfläche, sondern auch exakt in der Bildmitte.

„Die überlangen Finger“, schreibt Norbert Schnabel, der Kunstgeschichtler, „sind gespenstisch gekrümmt, die Gelenke wirken gichtig geschwollen. Der ausgestreckte Mittelfinger macht deutlich, dass der Nagel, mit dem Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, die Muskulatur durchtrennt hat.“[3]

Dem möchte ich nun noch ein paar etwas weitergehende Bemerkungen zur Deutung des ausgestreckten Mittelfingers Jesu anfügen.
Die Geste ist uns ja geläufig. Und es gibt sie auch nicht erst seit gestern. Schon in der Antike war sie bekannt und besagte das gleiche, was sie auch heute noch besagt.

Ob also Hans Holbein bewußt mit dieser Geste gespielt hat, als er den Mittelfinger Jesu exakt in die Bildmitte setzte? Wer weiß... Möglich wär´s...

So oder so erscheint mir die christliche Botschaft damit ganz und gar treffend ins Bild gesetzt: Gott zeigt dem Tod den Stinkefinger:[4] Fuck you, death!

Fuck you, death! Der ausgestreckte Mittelfinger des toten Christus im Grab – ich sehe ihn als einen Vorausverweis auf Ostern.

Oder wie der Kunstgeschichtler Norbert Schnabel es bezogen auf das Gemälde als ganzes ausdrückt: „[D]ieser Leichnam ist die große Ausnahme vom unumstößlichen Gesetz des Todes, dem wir alle unterworfen sind. ‚Am dritten Tage auferstanden von den Toten‘: Holbeins Gemälde veranschaulicht, welch ungeheure Behauptung in diesem Satz des Glaubensbekenntnisses liegt. Der Betrachter soll die abgründige Einsamkeit eines ganz und gar menschlichen Todes empfinden und erkennen, wie groß und letztlich ungeheuerlich der Glaube an das Wunder des Ostertages ist. [...] Der Leichnam Christi gemahnt den Betrachter zwar als memento mori an den eigenen Tod – zugleich ist er aber auch ein Bild der Verheißung“.[5]

V.
In Ausübung ihres Dienstes, wozu eben auch gehört, die Sterbenden zu begleiten und ihnen die christliche Verheißung zu bezeugen, haben sich in diesen Corona-Wochen in Italien bereits mehr als sechzig Priester selbst mit dem Virus infiziert und sind ums Leben gekommen.
Dem Andenken dieser Priester sei – gleichsam stellvertretend – die heutige Passionsandacht gewidmet.
Ihnen geschehe, wie sie geglaubt haben (cf. Matth. 8,13)!

Amen.



Pfarrer Ralf Haunert,
Evangelische Kirchengemeinde Auf dem Berg



Bildangabe: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:The_Body_of_the_Dead_Christ_in_the_Tomb_(Holbein_der_J%C3%BCngere)?uselang=de#/media/File:Hans_Holbein-_The_Body_of_the_Dead_Christ_in_the_Tomb.JPG
Musik: Bless me von FRAMETRAXX

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