Virtuelles Lesescafé

  • Samstag, 5. Dezember 2020 von Annette Gräbner

    Martin Spirig

    Kampf um Jerusalem

  • Samstag, 5. Dezember 2020 von Anita Völker

    Laura Brodie

    Ich weiß, du bist hier

  • Samstag, 5. Dezember 2020 von Cornelia Krüger

    Ein Weihnachtsroman von Ines Thorn

    Ein Stern über Sylt

  • Sonntag, 8. November 2020 von Annette Gräbner

    Domenico Dara

    Der Postbote von Girifalco

  • Sonntag, 8. November 2020 von Anita Völker

    Ein Krimi aus Damaskus von Rafik Schami

    Die geheime Mission des Kardinals

  • Sonntag, 8. November 2020 von Cornelia Krüger

    Chloe Benjamin

    Die Unsterblichen

  • Samstag, 1. August 2020 von Cornelia Krüger

    Angie Thomas

    The Hate U Give

  • Samstag, 1. August 2020 von Anita Völker

    Jennifer Ryan

    Der Frauenchor von Chilbury

  • Samstag, 1. August 2020 von Annette Gräbner

    Milena Michiko Flasar

    Herr Kato spielt Familie

Cornelia Krüger Samstag, 5. Dezember 2020 von Cornelia Krüger

Ein Weihnachtsroman von Ines Thorn

Ein Stern über Sylt

Sechs junge Leute wollen gemeinsam die Weihnachtstage in der Villa von Johannes Eltern verbringen. Alle studieren in Bremen und kennen sich daher.

Es sind Johannes, Maja und Marten, Annabella, Victoria und Thiemo. Außer Thiemo haben Alle reiche Eltern, sind verwöhnt und wollen vor Allem Spaß.

Thiemo passt eigentlich nicht in die Gruppe. Er hat früher einmal mit seiner alleinerziehenden Mutter auf der Insel gewohnt. Seine Mutter arbeitet als Krankenschwester und ist nicht reich. Als Student der Geowissenschaften interessiert sich Thiemo besonders für den Sandabbau auf Sylt, darüber möchte er seine Abschlussarbeit schreiben. Die Ferientage auf der Insel möchte er auch nutzen um Sandproben für seine Untersuchungen zu nehmen.

Vor Allem ist er aber wegen Victoria hier. Sieh hat ihn vom ersten Augenblick ihrer Begegnung fasziniert. So ein Mädchen hat er vorher noch nie getroffen, seine Gefühle für sie sind allerdings ambivalent. Victoria ist schön, glamourös, selbstsicher exzentrisch und verwöhnt. Thiemo ist bescheiden, zurückhaltend natürlich.

Bei einem gemeinsamen Bummel in Kampen genießt Thiemo die Zweisamkeit mit Victoria, die wenn sie alleine unterwegs sind, weniger grell und laut ist.

Dann entdeckt Victoria in einer dieser übertriebenen Boutiquen einen grünen Kaschmirpullover als Sonderangebot. Anstatt 1999€ nur noch 999€. Für Thiemo unfassbar viel Geld für einen Pulli, das halbe Monatsgehalt seiner Mutter.

Victoria muss diesen grünen Pullover unbedingt haben. Im Kreis der Freunde verkündet sie:

„Ich kann nur demjenigen mein Herz schenken, der mir auch zeigt, dass ich ihm etwas bedeute. Thiemo wird klar, wenn er Victoria diesen Pulli nicht schenkt, wird es Johannes tun.

Thiemo hat nicht so viel Geld, er ist hin und her gerissen wie er zu diesem Pullover kommen kann. Ein Zufall spielt ihm genau den Betrag in die Hände den er braucht. Allerdings fühlt er sich wie ein Dieb und sein Gewissen belastet ihn schwer.

Um seinen Fehler wieder gut zu machen, trifft er eine folgenschwere Entscheidung, die seine Tage auf Sylt in eine völlig andere Richtung treiben und für ihn ein Weihnachtswunder bereithält.

Anita Völker Samstag, 5. Dezember 2020 von Anita Völker

Laura Brodie

Ich weiß, du bist hier

Sarah McConnel ist seit drei Monaten Witwe. Ihr Ehemann David McConnel war zu einer zweitägigen Kajaktour auf dem Shannonriver aufgebrochen, an diesem Tag gab es ein Unwetter mit einer Sturzflut. David wird seitdem vermisst, sein Kajak wurde gefunden aber von ihm bisher keine Spur.

Beim Einkauf im Supermarkt glaubt Sarah ihn zu sehen, sie rennt durch die Regalreihen, doch er ist verschwunden. Auch in ihrem Haus hat sie immer wieder das Gefühl, dass er in der Nähe ist.

Ihre Freundin Margaret lädt sie ein, an einer Trauergruppe für Witwen teilzunehmen. Dort wagt sie es, den anderen Frauen von ihren Wahrnehmungen zu erzählen.

Am Halloweenabend klopft es an der Tür und David steht vor ihr. Er sei damals in das Gewitter geraten und habe in dem reißenden Fluss die Kontrolle über das Kajak verloren und wie ein Wunder ans Ufer gespült worden. Er konnte ein paar Meilen zurücklaufen und die Hütte, in der er übernachtet hatte, erreichen. Er beschloss für ein paar Tage in der Hütte zu bleiben, aber im Verlauf der Zeit sei es ihm immer schwerer gefallen sein Verschwinden zu erklären. Er bittet Sarah, ihn in der Hütte zu besuchen. Sarah ist wütend, hält es aber für eine Chance dort mit ihm Dinge aufzuarbeiten, die vor seinem Verschwinden ungeklärt waren.

Das Buch ist spannend, aber auch verwirrend, denn es ist lange nicht klar, ist David ein Hirngespinst oder ist alles real. Wenn es über eine längere Strecke unaufgeregt geschrieben ist, kommt der Punkt an dem man nicht mehr aufhören kann. Also viel Spaß beim Lesen.

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gesundes 2021.

Annette Gräbner Samstag, 5. Dezember 2020 von Annette Gräbner

Martin Spirig

Kampf um Jerusalem

Das umfangreiche Buch führt die Leserinnen und Leser ins 6.Jahrhundert vor Christus nach Juda und

Babylon. Unter Nebukadnezar II. wird das Land Juda mit Jerusalem von den Babyloniern zerstört

und ein Großteil der Juden in die zweite Babylonische Gefangenschaft geführt, die fünfzig Jahre

dauern wird. Zu dieser Zeit wirkt der Prophet Jeremia in Juda.

Vor diesem historischen Hintergrund spielt das Geschehen des Romans. Der Jude Nebusaradan, mit

jüdischem Namen Abieser, steht im Dienste Nebukadnezars: Er ist dessen Kommandant der

Leibwache, Oberkämmerer und Feldherr und führt mit weiteren Oberkommandierenden und

Nebukadnezar später den Angriff auf Jerusalem an. Die jüdische Erziehung seiner Mutter Hamutal

hat ihn geprägt, im Herzen hängt er der jüdischen Religion an, auch wenn er in Babylon lebt. Die

Sehnsucht seiner Liebe ist Esther, die wie Nebusaradans Mutter Hamutal in Jerusalem lebt. Dort

herrscht der Bruder Nebusaradans, Zidkija, mit jüdischem Namen Mattanja, nachdem

Nebukadnezar diesen als seinen Vasall zum jüdischen König ernannt hat. Denn der bisherige König

Jojakim ist mit seiner Mutter Nehuschta im Rahmen des ersten jüdischen Exils von Nebukadnezar

nach Babylon geführt worden. Nebukadnezar lässt beide mit ihrem Hofstaat in einem Teil seines

königlichen Palastes in Babylon standesgemäß leben.

Die Handlung des Romans spielt sowohl in Babylon als auch in Jerusalem. Der Ursprung des Kampfes

um Jerusalem liegt in dem Lossagen des Königs Zidkija von Babylon. Er möchte sich nicht mehr an die

vereinbarte Gefolgschaft halten. Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Juden in relativer

Selbstbestimmung leben können. Nachdem Zidkija sich losgesagt hat, lässt Nebukadnezar sogar

Zidkijas Mutter Nehuschta mit Gefolge von Babylon nach Jerusalem reisen, damit sie ihren Sohn

umstimmen kann. Das gelingt nicht. So beginnt Nebukadnezar mit den Vorbereitungen des Feldzuges

gegen Juda, denn Abtrünnige duldet Nebukadnezar nicht. Nebukadnezar verlangt von seinen

Soldaten uneingeschränkte Disziplin und Gehorsam. Wenn Soldaten dem nicht folgen, erwarten sie

grausame Strafen, denn zimperlich gehen die Babylonier weder mit babylonischen

Gesetzesverächtern noch mit ihren Feinden um. Auch nach dem langen Marsch von Babylon nach

Jerusalem, den die Generale nicht leisten müssen, da sie häufig in Sänften getragen werden,

kämpfen die babylonischen Soldaten schlagkräftig und grausam, angetrieben auch von dem

Versprechen, sich an Kriegsgut bereichern zu dürfen. Die Strategie ihrer Heerführer und ihres Königs

ist zielgerichtet und klug durchdacht. Nach etwa eineinhalb Jahren fällt Jerusalem. In dieser Stadt

haben sich Menschen aus der Gegend um Jerusalem mit Vieh und Habe begeben. In der Stadt

herrschen Enge, Gestank, Krankheiten, Hunger und Durst, da die Vorräte zur Neige gehen. Was mit

den Fäkalien geschieht, mögen die Leser und Leserinnen selbst lesen. All das Durcheinander in der

belagerten Stadt schildert der Autor genauestens. Während die Menschen in Jerusalems Enge leben

müssen, residiert König Zidkija in seinem Palast. Er wird nun häufig von Zweifeln getrieben und quält

sich mit den Gedanken, ob sein Abfall von Jahwe die Ursache für Jerusalems Belagerung und

Zerstörung sein kann. Genau das hat der Prophet Jeremia bereits seit langer Zeit bekundet, aber

weder König noch Volk haben seinen Warnungen Folge leisten wollen. Im Gegenteil: Er ist bestraft

und geschunden worden. Nicht nur die Babylonier, auch die Juden haben zu unmenschlichen

Bestrafungen gegriffen.

Die Eroberung Jerusalems und Judas endet für die Juden im zweiten babylonischen Exil. Obwohl die

Babylonier das Land in weiten Strecken zerstört und unfruchtbar gemacht haben, lässt Nebukadnezar

etliche Juden im Land zurück, damit sie es bebauen.

Das Buch schildert eindrücklich die teilweise lüsterne, verruchte, verschwenderische Lebensart in

Babylon, wo es zudem grausamste Bestrafungen wegen geringer Vergehen gibt. So werden

beispielsweise Menschen an den Füßen aufgehängt, bis sie elend verdursten und verhungern. Der

Autor schildert diverse Bestrafungen eindrücklich, was Abscheu beim Lesen hervorruft. Aber auch die

Beschreibungen des Lebens der Juden in Jerusalem sind nicht zimperlich.

In Sachkapiteln zwischen denen der fortlaufenden Handlung erfahren die Leser und Leserinnen viel

über die Entwicklung der Stadt Jerusalem, über die Völker und Staaten zwischen Ägypten und

Babylon sowie über Babylon. Wer sich von den Darstellungen von Intrigen, Liebe und Leid,

Grausamkeiten erholen möchte, kann sich in diesen Sachkapiteln jenseits von Emotionen erholen.

In dem Roman handeln weitaus mehr Personen als die, die ich erwähnt habe. Da gibt es noch Sklaven

und Sklavinnen verschiedener Kategorien, Diener und Dienerinnen, kooperierende und zerstörende

Mitglieder des jeweiligen Hofstaates. Di e ersten Seiten des Romans listen etliche Beteiligte auf, so

dass sich die Leser und Leserinnen orientieren können.

Nach der Lektüre dieses Romans kann sich jeder vorstellen, warum im Fernsehen die Filmserie

„Babylon Berlin“ heißt. Babylon lässt grüßen!

Im Buch des Propheten Jeremia im 52.Kapitel wird der Untergang Judas und Jerusalems in der Bibel

geschildert.

Cornelia Krüger Sonntag, 8. November 2020 von Cornelia Krüger

Chloe Benjamin

Die Unsterblichen

Eigentlich soll es eine Mutprobe sein. Heimlich schleichen sich die vier Gold Geschwister zu dem Haus der Wahrsagerin. Sie soll die Zukunft vorhersagen können und das persönliche Sterbedatum.

Varya 13, Daniel 11, Klara 9 und Simon 7, fühlen sich unbehaglich in der Wohnung dieser Frau. Sie dürfen die Wohnung nur getrennt betreten. Die jeweiligen Vorhersagen verunsichern die Kinder, sie versuchen sie zu relativieren und als bedeutungslos abzutun, trotzdem sind alle äußerst betroffen.

Die Familie Gold sind Nachkommen europäischer Juden die nach Amerika ausgewandert sind. Der Vater der Kinder, Saul, betreibt seine eigene Kleiderfabrik

„Gold’s Tailor & Dressmaking“. Gertie die Mutter kümmert sich um Haushalt und Familie.

Saul ist gläubiger Jude, der Einzige in der Familie der die strengen Regeln der Religion befolgt.

Als Saul mit 47 Jahren plötzlich stirbt und beerdigt ist, ändert sich alles in der Familie.

Varya und Daniel studieren bereits und gehen zurück zur Uni.

Klara ist kurz vor dem Highschoolabschluss Sie will als Artistin und Magierin nach San Franzisco gehen und dort ihr Geld verdienen.

Von Simon wird erwartet, dass er die väterliche Firma weiterführt. Der Junge ist erst 16 und kann sich nicht vorstellen in der Kleinstadt zu bleiben um Schneider zu werden. Außerdem wird er da seine Homosexualität nicht ausleben können. Klara die das alles erkennt und weiß, dass nach der Wahrsagerin Simon jung sterben soll, macht ihm den Vorschlag mit nach San Franzisco zu kommen.

Heimlich reisen die Beiden ab und hinterlassen ein Caos.

Für Simon ist San Franzisco das Paradies, hier kann er leben wie er möchte. Zu seiner Mutter, Varya und Daniel hat er keinen Kontakt, mit Klara teilt er sich eine Wohnung.

Mit diversen Jobs verdienen Klara und Simon sich ihren Unterhalt hart, leben aber ihre Träume aus.

Als Simon mit 20 an Aids stirbt, genau an dem vorhergesagten Datum, sind alle geschockt und die Prophezeiungen bestimmen das weitere Leben der Geschwister

Anita Völker Sonntag, 8. November 2020 von Anita Völker

Ein Krimi aus Damaskus von Rafik Schami

Die geheime Mission des Kardinals

Kommissar Barudi, Mitte 60, hat sich schon einen besonderen Kalender angelegt, der die Tage bis zu seinem Ruhestand zählt. Doch er hat noch einen schwierigen Fall zu lösen. Bei der italienischen Botschaft wird ein Fass Öl angeliefert, darin wird die Leiche des italienischen Kardinals Cornaro gefunden.

Die Ermittlungen ergeben, dass der Kardinal im Auftrag des Vatikans zwei Wundertätige in Syrien - eine Heilerin aus Damaskus und ein „Der Bergheilige“ genannt, der Muslim ist und im Namen von Jesus Kranke heilt, auf ihre Echtheit prüfen soll. Die italienische Botschaft stellt ihm einen Kommissar aus Rom zur Seite, der Barudi bei der Aufklärung unterstützen soll.

Gemeinsam mit Marco Mancini, der fließend arabisch spricht, recherchieren sie die Tage des Kardinals in Damaskus. Sie sprechen mit einem Vertreter der vatikanischen Botschaft und suchen die Heilerin, die Die heilige Dumis genannt wird, in Damaskus auf.

Sie finden heraus, dass der Kardinal in Begleitung eines Jesuitenpaters den Bergheiligen aufgesucht hat und dort wahrscheinlich ermordet wurde, der Jesuitenpater ist seither verschwunden.

Barudi uns Mancini verfolgen die Spuren der beiden und kommen über ein Kloster, in dem der Kardinal zu Gast war, in das Gebiet des islamischen Staates. Trotz seiner Dokumente werden sie von Islamisten festgehalten und eingesperrt. Nach einer angsterfüllten Nacht und nach stundenlangen Verhören werden sie plötzlich respektvoll behandelt. Der Anführer der Gruppe entpuppt sich als der ehemalige Pflegesohn von Barudi und seiner inzwischen verstorbenen Frau Salma.

Scharif ist nicht nur der Retter in der gefahrvollen Lage, sondern hat in dieser Gegend Macht und Einfluss und hilft bei der weiteren Aufklärung und kann Hinweise auf die Täter geben. Der seither vermisste Pater Jose wird ebenfalls tot aufgefunden.

Zurück in Damaskus werden die Täter verhaftet, Barudi ist stolz, dass sein letzter Fall erfolgreich abgeschlossen wurde, aber jetzt greifen die politischen Verbindungen und er muss erkennen, dass sein bisher so loyaler Chef ihn im Stich gelassen hat. Frustriert verlässt er an seinem letzten Arbeitstag sein Büro.

Annette Gräbner Sonntag, 8. November 2020 von Annette Gräbner

Domenico Dara

Der Postbote von Girifalco

Der Roman führt uns in das Dorf Girifalco in Kalabrien in die Zeit der späten Sechzigerjahre. Viele Personen agieren in dem Roman. Etliche haben tatsächlich in dem Dorf gelebt, wie der Autor Domenico Dara in seinem Nachwort schreibt. Sehr viele Einwohner dieses Dorfes lernen die Leserinnen und Leser kennen, so dass es hilfreich ist, dass hinten im Buch eine Liste der „wichtigsten Figuren“, die in dem Buch genannt werden, angefügt ist, zumal uns Deutschen die teilweise ungewöhnlichen italienischen Namen nicht geläufig sind.

Der Postbote von Girifalco ist ein einsamer unverheirateter Mann, der zunächst in Nachbarschaft mit seiner Mutter und seiner Tante wohnt. Nach dem Tod der Mutter bleibt nur die Tante als Familienangehörige, denn seinen Vater, dessen Namen die Mutter ihm vorenthält, kennt er nicht. Der Postbote philosophiert und sammelt in einem Büchlein Begebenheiten des täglichen Lebens, die er als Zufälle interpretiert. Denn den Lauf des Lebens vieler ihm bekannter Menschen ordnet er jeweils in seine persönliche Philosophie und seine Deutung des Lebens ein.

Der Postbote hat eine Eigenart, die wir heute gar nicht schätzen, die für ihn aber handlungsbestimmend ist: Er liest Briefe an die Empfänger im Dorf. Sorgfältig öffnet er sie über Wasserdampf, liest und beurteilt den Inhalt für das Leben der Empfänger. Eine Kopie fertigt er handschriftlich an, die er ordentlich in seiner Wohnung archiviert. Je nachdem, wie er die Wirkung des Briefes für ein gutes Leben des Empfängers beurteilt, verfasst er einen eigenen neuen Brief oder legt den Originalbrief wieder in den Umschlag und stellt den Brief zu.

Warum kann der Postbote die Briefe fremder Personen handschriftlich schreiben, ohne dass die Empfänger etwas bemerken? Der Postbote hat die Gabe, Schriften fehlerlos nachzuahmen. Bereits während seiner Schulzeit konnte er dadurch manch einem Klassenkameraden oder einer Klassenkameradin behilflich sein, wenn er eine vom Vater fehlende Entschuldigung oder eine Hausaufgabe für eine Klassenkameradin schnell anfertigte.

Zu grübeln beginnt er, als er eines Tages entdeckt, dass Liebesbriefe an die verheiratete Dorfbewohnerin Teresa über die Adresse ihrer Freundin geschickt werden. Der Postbote macht sich auf, die Herkunft dieser Briefe zu erfahren und entdeckt ein lange zurückliegendes Unrecht, das in dem Dorf passiert ist.

In dem Dorf herrscht Arbeitslosigkeit. Diese Tatsache nimmt der Bürgermeister als Vorwand, eine Mülldeponie für entlegene Städte unweit des Dorfes als Wasserfabrik anzupreisen, was der Postbote dem Schriftwechsel entnommen hat. Dass dafür der Monte Covello weichen muss, verschweigt der Bürgermeister. Mit Unterstützung des Kommunisten Ciccio gelingt es dem Postboten, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen.

Seine lebenslange Liebe zu Rosa wird durch die perfekte Ähnlichkeit seiner Handschrift mit der eines anderen Mannes unglücklich beeinflusst. Tragisches passiert!

Er lindert durch eigens erstellte Post das Leiden der unglücklichen Mutter Feliciuzza, die ihren Sohn Cecco schmerzhaft in der weiten Welt vermisst.

Die Auflösung und Klärung vieler einzelner Episoden überlasse ich den Lesern und Leserinnen.

Während diese den Postboten alltäglich begleiten, tauchen sie in das nostalgische Leben in einem italienischen Dorf der sechziger Jahre mit Ritualen, dörflichem Miteinander, Trauer, Liebe, Anteilnahme, gelösten und ungelösten Problemen ein. Ich habe das Buch zweimal mit wachsender Anteilnahme gelesen. Ich stelle mir vor, dass Personen, die sich für ursprüngliches Leben in Italien und die Auflösung begeistern können, Freude am Lesen haben.

Cornelia Krüger Samstag, 1. August 2020 von Cornelia Krüger

Angie Thomas

The Hate U Give

Hat einen hoch aktuellen Jugendroman geschrieben, der 2017 erschienen ist und es auf Anhieb auf die New York Times Bestsellerliste geschafft hat. 2018 wurde das Buch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Der gleichnamige Kinofilm hatte 2019 in Deutschland Premiere.

„T-H-U-G L-I-F-E The Hate You Give Little Infants Fucks Everybody – was die Gesellschaft den Menschen als Kindern antut, das kriegt sie später zurück, wenn diese raus ins Leben ziehen.“ (Im Sinne des Rappers Tupec) Starr ist 16.Mit Ihrer Familie lebt sie in einem Schwarzen Viertel in Jacksonville. Dort gibt es Banden Gangs und Clans die sich bekriegen. Es geht um Drogen und Macht. Schießereien sind an der Tagesordnung. Eine recht unruhige ungemütliche Gegend.

Starrs Familie versucht sich aus allem rauszuhalten und ein möglichst „normales“, friedliches Leben zu führen. Ihr Vater besitzt einen Laden, die Mutter arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus. Starr und ihre beiden Brüder Seven und Sekani besuchen eine Schule in einem Viertel für Weiße, da die Eltern ihren Kindern gute Startmöglichkeiten garantieren wollen. Das Mädchen fühlt sich dadurch in zwei Welten Zuhause. Ihr Verhalten passt sie der jeweiligen Umgebung an. Mit ihren weißen Schulfreundinnen lebt sie ein anderes Leben als das im Schwarzen Viertel. Sie hat einen weißen Freund Chris, von dem ihr Vater besser nichts wissen sollte, der Rest der Familie ist eingeweiht. Der Roman ist in Ich-Form geschrieben. Starr erzählt ihr Geschichte. Starr ist auf einer Party, sie fühlt sich unwohl in dieser Umgebung. Es wird gekifft und zu viel getrunken, was ihr nicht gefällt. Als plötzlich Schüsse fallen und Panik ausbricht entdeckt sie ihren Kinderfreund Khalil. Die beiden flüchten vor den Schüssen in Khalils Auto und fahren weg.

Sie werden von einem Polizisten angehalten und kontrolliert. Ohne ersichtlichen Grund erschießt der Polizist Khalil vor Starrs Augen. Als Zeugin dieser Tat, beginnt für sie aber auch für ihre Familie eine schwierige Zeit. Im Prozess sagt sie aus und macht sich dadurch einige zu Feinden. Die Einzigen auf die sie sich voll verlassen kann, die immer zu ihr stehen und sie liebevoll unterstützen, ist ihre Familie.

Annette Gräbner Samstag, 1. August 2020 von Annette Gräbner

Milena Michiko Flasar

Herr Kato spielt Familie

Dieses Buch der Autorin Milena Michiko Flasars, die als Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters mit ihrer Familie in Wien wohnt, führt uns nach Japan. Herr Kato ist ein Mann, der gerade in seinen Ruhestand getreten ist. Er lebt mit seiner Frau, die beiden Kinder sind bereits verheiratet, im eigenen Haus, das hoch oben über der Stadt einen herrlichen Ausblick bietet – vor allem zu Silvester beim Feuerwerk. Allerdings wird der Weg nach oben im Alter beschwerlicher, zumal das Ehepaar kein Auto besitzt.

Der Ruhestand bedeutet für Herrn Kalo eine Herausforderung, er muss sich jenseits seiner Berufsausübung neu erfinden. Ob er an einer Krankheit leidet, in deren Verlauf er sich fügen muss? Auf dem Weg von der Untersuchung nach Hause wagt er auf dem Friedhof einen phantasievollen Solotanz, den er wegen des Klatschens einer jungen Frau jäh beendet. Sie freut sich über seine Darbietung und entpuppt sich als Mitglied einer Agentur, die „Familie spielt“. Herr Kalo reagiert zunächst ungläubig, lässt sich dann aber von Mie engagieren. Mie erklärt ihm, dass er in diversen Familien Rollen übernehmen und diese schauspielerisch in der Familie lebensecht darstellen muss. Herr Kalo schlüpft in die Rolle des Großvaters, der einige Stunden den Enkel Jordan besucht, den er bisher abgelehnt hat. „Menschlich“ und „so normal wie möglich“ soll sich Herr Kalo dem Jungen zuwenden. Er wird Begleiter von Chieko, deren Ehemann sie nicht zu Wort kommen lässt, wird der Chef auf einer fast makabren Hochzeitsfeier…. Alle Einsätze gehen einher mit Reflektionen über die Lebenswirklichkeit der „Kunden“ sowie sein eigenes Leben: seine Berufstätigkeit, seine Rolle als Kollege, Vater und Ehemann. Im realen Leben tauchen Tochter und Sohn mit ihren Problemen auf, seine Ehefrau versucht, in ihrem Leben Versäumtes nachzuholen. Die Leser lernen einen Herrn Kalo kennen, der sich bemüht, den Erwartungen zu genügen, die in seinem realen Leben an ihn gestellt werden, der häufig durch ungeschickte Kommunikation diesen Erwartungen jedoch nicht gerecht werden kann. Er erkennt dies. Das Buch gibt tiefe Einblicke in eine lang währende Ehe und die Auseinandersetzung mit dem Leben im Alter. Am Schluss des Buches wird übrigens der Bogen vom Feuerwerk am Anfang des Buches zu dem am Ende des Buches gespannt. Ein Buch mit makabren, lustigen und vielen nachdenklichen Inhalten, das vor allem diejenigen ansprechen wird, die sich einen Einblick in die psychologische Verfassung eines langjährigen Ehepaares und die Gestaltung des Rentneralltages ermöglichen wollen.

Aus der Presse habe ich übrigens zufällig erfahren, dass es in Japan tatsächlich möglich ist, Familienangehörige für bestimmte Zwecke zu mieten.

Anita Völker Samstag, 1. August 2020 von Anita Völker

Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury

Der Erstlingsroman von Jennifer Ryan basiert auf Erzählungen ihrer Großmutter. Es ist die Geschichte von fünf Frauen im Kriegsjahr 1940 in dem kleinen Ort Chilbury in der Grafschaft Kent. 

Immer mehr Männer müssen an die Front, da beschließt der Pfarrer den Chor der Gemeinde aufzulösen, was die Frauen zutiefst enttäuscht. Dann zieht die Musikprofessorin Primrose Trent aus London in den Ort. Prim, wie sie allen genannt wird, ist der Überzeugung, dass Musik in schwierigen Zeiten wichtig ist und schlägt die Gründung eines reinen Frauenchores vor. Nach anfänglicher Skepsis sind alle - oder fast alle - überzeugt, dass ein Chor auch ohne Bässe und Tenöre funktioniert.

 

Fünf Menschen erzählen ihre Geschichte aus ihrer Sicht. 

Mrs. Tillings, Witwe und Mutter eines jungen Soldaten, Krankenschwester.

Miss Edwina Paltry, eine etwas zwielichtige Hebamme, die sich mit dem tyrannischen Herrn von Chilbury Manor auf einen illegalen Handel einlässt dem

Gutsherrn einen männlichen Erben zu sichern.

Kitty Winthrop, 13 Jahre alt, verliebt in Henry, der auch in den Krieg ziehen muss.

Venetia Winthrop, Schwester von Kitty, die Dorfschönheit, deren einziges Ziel es ist, alle männlichen Wesen in ihren Bann zu ziehen, sie ist eitel und arrogant.

Silvie, 10 Jahre alt, eine Jüdin aus Tschechien, die von ihrer Familie nach England geschickt wurde und dort im Haus der Winthrops wohnt.

Von diesen fünf Personen erfahren wir eine Geschichte voller Intrigen, Romantik und die wichtigsten Fragen in einer schweren Zeit, in der gerade die Stärke der Frauen nicht nur im Chor, sondern auch im Alltagsleben zunimmt.

 

Im letzten Absatz des Buches kommt noch einmal die Großmutter der Autorin zu Wort, die auf die Frage, wie die Frauen im Dorf den Krieg bewältigten, sagt:

"Nicht besonders gut, würde ich sagen, bis eines Tages eine neue Chorleiterin ins Dorf kam und uns ermutigte, gemeinsam zu singen - und zwar als reiner Frauenchor. Seither waren wir unter dem Namen "Frauenchor von Chilbury" bekannt. Zuerst erschien uns die Idee völlig absurd, doch dann gewannen wir einen Wettbewerb und da wurde uns klar, dass wir richtig gut waren und dass wir als Chor das tun konnten, was uns Spaß machte,also auch Liederabende veranstalten und Wohltätigkeitskonzerte geben. Danach fiel uns auf, dass wir vieles sogar besser allein oder mit Unterstützung der anderen Frauen hinbekamen. Gemeinsam sind wir gewachsen und stärker geworden. Man sollte nicht unterschätzen."

Ev. Kirchengemeinde Auf dem Berg - Paul-Gerhardt-Str. 2 - 63584 Gründau - Tel.: 06051 140 60 - info@kirche-aufdemberg.de

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